Ich hatte, nachdem ich im Herbst des vorausgegangenen Jahres wegen einer Netzhautablösung für etliche Wochen ausgefallen war, meinen Dienst gerade wieder angetreten und war noch beschäftigt, mich mit den optischen Einschränkungen meiner Erkrankung zu arrangieren. Das Notenlesen war mühsam, ich sah Doppelbilder und mußte beim Üben immer wieder pausieren, viel mehr auswendig lernen und mich ohnedies mehr auf mein Gedächtnis verlassen.

Nun kam also auf mich und die meisten anderen Musiker eine Situation zu, das Arbeiten völlig umstrukturierte. Anfangs dachten und hofften wir, dass "der Spuk bald vorbei sei" und wir in wenigen Wochen wieder wie gewohnt singen und spielen dürften. Das hat sich aber nicht so erfüllt.

Es gab viel zu arrangieren, vor allem die veränderte Situation im privaten Bereich, die allgemeinen Umstände, die Schwierigkeiten beim Einkauf und in anderen Situationen. Mir fehlte (und mir fehlt heute noch) der direkte Kontakt mit den Sängerinnen und Sängern und den Instrumentalisten beim Musizieren. Mir fehlt auch der persönliche Austausch nach den Gottesdiensten und "zwischendurch". Wir Kirchenmusiker haben uns mehrfach gegenseitig elektronisch unterstützt und unter unseren Kopfhörern und vor unseren Bildschirmen zum Austausch versammelt. Es war hilfreich, zu erfahren, was der eine und der andere Kollege versucht und es war ein immer neues Nachdenken darüber, was ich in meiner Situation tun kann - und was ich nicht tun sollte, weil meine Arbeitssituation eine so andere ist und die Menschen, mit denen ich arbeite, andere Musizierformen gewohnt sind. Bei diesen Online-Konferenzen habe ich vor allem erlebt: der kleine informelle Austausch vor oder nach der Besprechung unter vier Augen war nicht möglich, der vielsagende Seitenblick, der in mancher Konferenz mehr sagt als viele Sätze, lässt sich nicht durch Elektronik ersetzen.

Einige Musikerkollegen haben in dieser ersten Corona-Zeit ihr Instrument im Koffer gelassen, manche Komponisten haben den Stift aus der Hand gelegt. Ich habe die Zeit, die frei wurde, genutzt, um an der Orgel zu arbeiten und viele Dinge näher anzusehen, zu denen sonst die Zeit fehlte. In meinen mehr als dreissig Dienstjahren habe ich ja viel und vor allem mit Chören und Ensembles gearbeitet, den Chor Cantate Domino aufgebaut und soweit vorangebracht, dass uns Aufführungen mit Bachs Johannespassion und Mendelssohns Paulus gelangen. Das konzertante Orgelspiel musste dabei zurücktreten. Nun, in der Zeit der Ausgangssperre, habe ich viele Fingersätze am Instrument noch einmal überarbeitet, manche Stücke von Grund auf neu gelernt und mich in Noten bislang mir unbekannter Werke eingelesen und eingehört. Bachs Kantaten, von denen ich zwei Handvoll vorher schon gut kannte, hörte ich nun unsystematisch, aber konsequent - ein faszinierender Schatz großartiger Musik.

Thomas Schwarz

- wird weitergeschrieben -

 

 

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